24.02.2021 11:21

Versuchte Abzocke? Rollstuhlfahrer fordert Schmerzens-Geld vom Münchner Traditionswirtshaus "Zum Spöckmeier" unter Vorwand

© Foto: Stiftl Gastronomie GmbH

Unter der Schlagzeile "Mein Wirtshaus-Besuch war entwürdigend" versucht Rollstuhlfahrer Sebastian Randlkofer (76) einen renommierten Münchner Wirt zur Kasse zu bitte. Am 01.04.2020 veranlasste der Schwerbehinderte einen Artikel in der Bild-Zeitung in dem er sich als Opfer präsentiert. Man könnte meinen, dass es sich dabei um einen April-Scherz handelte. Was geschah an dem besagten Tag beim Weißwurstessen? 

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Das Traditionswirtshaus Zum Spöckmeier ist ein alteingesessenes und beliebtes Münchner Wirtshaus. Seit 2009 führt Wiesnwirt Lorenz Stiftl die bayerische Tradition an der Rosenstraße 9 weiter. Das Weißwurstfrühstück ist legendär und stadtbekannt. So freute sich auch Sebastian Randlkofer auf das Weißwurstessen im Spöckmeier, das mit seiner hauseigenen Metzgerei wirbt. Im November 2019 durfte der Rollstuhlfahrer nach einer Nieren-OP nach Hause und berichtete über seine Vorfreude auf die Münchner Weißwurst im Spöckmeier (Artikel Bild, 14.04.2020).

Jeder Münchner kennt das Wirtshaus Zum Spöckmeier. Auch bei Touristen ist das Restaurant mit traditioneller bayerischer Küche beliebt. Das unter Denkmalschutz stehende Wirtshaus wird ausdrücklich "nicht" als behindertengerechtes Restaurant aufgeführt oder beworben. Aus baulichen Gründen gibt es keine geeigneten Toiletten für Menschen mit Behinderung und wird auch gesetzlich nicht gefordert. Dennoch besuchen auch viele Menschen mit Behinderung das Traditionswirtshaus, obwohl sich die Toiletten im 1. OG befinden und für Rollstuhlfahrer nur über einen Personal- oder Lastenaufzug - wenn gewünscht - zugänglich sind. In solchen Fällen begleiten die Kellner die Gäste bis zu den WC-Räumen und zurück zum Tisch.

© Foto: Stiftl Gastronomie GmbH 

In 20 Jahren ist ein Fall wie dieser im Hause Spöckmeier nicht vorgefallen aber irgendwann scheint immer das erste Mal zu sein. Herr Sebastian Randlkofer versucht nun, trotz der Hilfsbereitschaft des Kellners, der den Rollstuhlfahrer bis zur Toilette begleitete, ungerechtfertigt Schmerzensgeld zu fordern. Stolze 2.500 Euro hätte er gerne dafür, dass das Restaurant keine Behindertentoilette hat und die Zugänglichkeit zum 1. OG als menschenunwürdig anzusehen sei. Ein Interesse an ein persönliches Gespräch mit dem Wirt scheint Herr Randlkofer nicht zu wünschen, obwohl Lorenz Stiftl dem Rollstuhlfahrer mehrere Gesprächsangebote mit Erklärungsversuchen unterbreitet hatte. "Ich und meine Belegschaft bedauern es sehr, dass Herr Randlkofer die Nutzung des Lastenaufzugs und die Zugänglichkeit zum WC als Herabstufung empfunden hat [...]," kommentierte Wirt Lorenz Stiftl gegenüber der Bild-Zeitung.

Im Artikel der Bild-Zeitung rechtfertigt Sebastian Randlkofer sein Handeln damit, dass ihm zugemutet wurde, mit seinem Rollstuhl rückwärtige Räume zu befahren. Herr Randlkofer demonstriert sich im Rollstuhl direkt vor dem Wirtshaus (Foto im Artikel der Bild). Dabei ist auch zu sehen, dass Herr Randlkofer einen sehr gelenkigen elektrischen Rollstuhl mit kleinen Rädern besitzt. In der Vergangenheit haben Behinderte ohne Probleme die WC-Räume vom Spöckmeier nutzen können, dessen Rollstühle mit großen Rädern und Hand-Griffen wesentlich breiter sind. So eng, wie Herr Randlkofer die Zugänglichkeit zu den Toiletten beschreibt, sind die Hinterräume nicht. Wir von der Redaktion konnten uns freundlicherweise die Wege anschauen. Die Gänge sind großzügig geschnitten.

Trotz allen Bemühungen des Wirtes Lorenz Stiftl, hat Herr Randlkofer ein alleiniges Interesse, nicht rechtmäßig Schmerzensgeld in Höhe von rund 2.500 Euro zu fordern. Kannte Herr Randlkofer als Münchner das alteingesessene Restaurant Zum Spöckmeier nicht, zumal er sich auf die stadtbekannte Weißwurst nach seiner Krankenhausentlassung freute? Oder scheint nur ein alleiniges Interesse darin zu bestehen, einen Wirt finanziell unter dem Deckmantel der "Entwürdigung" abzuzocken? Sicher ist, dass das unter Denkmalschutz stehende Traditionswirtshaus keine Behindertentoiletten hat und damit auch ausdrücklich nicht wirbt. Herrn Stiftl liegt es am Herzen, seinen Gästen Barrierefreiheit anzubieten. Bis dahin muss er ausdrücklich auf die vier Gaststätten in unmittelbarer Nähe verweisen, die eine barrierefreie Ausstattung haben. 

Seit 31.01.2021 ist Lorenz Stiftl nicht mehr Pächter vom Spöckmeier. Die Paulaner Brauerei München führt nun eine Sanierung durch. Das Traditionswirtshaus wird in Zukunft seitens Paulaner von der Schörghuber Unternehmensgruppe weitergeführt. Schörghuber kaufte Ende 1970 die Brauereien Paulaner und Hacker-Pschorr. Heute leitet Alexandra Schörbuher die Unternehmensgruppe weiter. Verwunderlich ist allerdings, dass in der Corona-Pandemie die Paulaner Brauerei ihre Wirtshäuser selbst einverleibt und langjährige Geschäftspartner praktisch vor die Tür setzt. Fast zeitgleich wurden mit der Vergabe des großen Wienszeltes "Bräurosel" und dem Restaurant "Donisl" am Marienplatz alle Hacker-Pschorr Wirte vor dem Kopf gestoßen. Avisierter neuer Wirt der Doppel-Objekte war ebenfalls Lorenz Stiftl. Letztendlich vergab die Hack-Pschorr Brauerei die Objekte an Peter Reichert, dessen Frau Gerda (geborene Sperger) zum Bedauern aus der Hofbräuhaus-Wirtsfamilie stammt.

Vielleicht bietet es sich im Zuge der Sanierungsarbeiten an, dass behindertengerechte Toiletten installiert werden, damit solch ein Fauxpas - wie mit Herrn Randlkofer - nicht mehr passiert.