VW-Mitabrbeiter verklagt die Konzerntochter Audi wegen geschlechter-gerechter Sprache
15.06.2022 11:53

VW-Mitarbeiter verklagt die Konzerntochter Audi wegen geschlechter-gerechter Sprache

© Foto: Sabrina Bracher

Dieser Prozess könnte zu verheerenden Klagewellen führen. Der VW-Mitarbeiter Alexander B. (46) verklagt die Konzerntochter Audi wegen geschlechter-gerechter Schreibweise in der internen, sowie externen schriftlichen Kommunikation. Laut Klage fühlt sich Alexander B. in seinen Persönlichkeitsrechten beeinträchtigt, weil er mit "Liebe Leser_innen" angeschrieben wird. 

Wird das ein Musterprozess, der über Audi hinaus wirken wird? Dieses Ziel könnte der Kläger, der von dem AfD-nahen "Verein Deutsch Sprache" (VDS) unterstützt wird, durchaus verfolgen und eröffnet den Kampf gegen "Sternchen", "Unterstrich" und "Doppelpunkt". 

Gender-Mainstream als familienfeindliches Gesellschaftsexperiment 

Der Verein Deutsche Sprache e. V. sieht die sogenannte Gender-Sprache als ein undemokratisches und familienfeindliches Gesellschaftsexperiment ganz im Sinne des Klägers. Der Verein zitiert zumindest öfters die AfD in ihrem Gedankengut, wie z. B. "Afd für gutes Deutsch" oder "VDS bedauert Ablehnung des AfD-Antrags auf Festschreibung der deutschen Sprache im Grundgesetz". So ist aber auch der Gruppenleiter des Vereins VDS Martin Louis Schmidt, AfD-Abgeordneter im Landkreis 49, Annweiler. In der Mitgliederliste finden sich zahlreiche Prominente, wie z. B. die Schlager-Interpreten Dieter Hallervorden und Peter Kraus oder der Kabarettist Jürgen von der Lippe. Aber auch der 1. Vorsitzende vom "Verein Deutsche Sprache" fiel mit provokanten Äußerungen in der rechtsradikalen Zeitung "Junge Freiheit" auf. Die Umweltfragen erklärt Walter Krämer als "rot-grüne Weltverbesserungsideologie" und tituliert die Medien zu oft als "linksgestrickte Lügenmedien" (Quelle Wikipedia). Die Autorin Kirsten Boie lehnte 2020 einen Preis des VDS Hamburg ab, da Äußerungen Krämers sie an Rechtspopulisten erinnern würden.

Im Prozess gegen die Audi verlangt der Kläger Alexander B. mit seinen Anwälten und der Unterstützung vom VDS, dass die Audi die Nutzung der Kommunikationsregeln unterlässt. Vor dem Landgericht Ingolstadt zitierte der Kläger aus Arbeitsanweisungen an ihn, die umständliche Formulierungen enthalten würden wie: 

Der_die BSM-Expert_in ist qualifizierte_r Fachexpert_in

Die sich nennenden Audianer sind in den Dokumenten zu "Audianer_innen" geworden. Die schwere Beeinträchtigung der individuellen Persönlichkeitsrechte durch die Verwendung einer gendergerechten Sprache bezifferten die Rechtsvertreter Burkhard Benecken und Dirk Giesen im Vorfeld des Zivilprozesses auf 100.000 Euro. Dabei war es um eine Unterlassungserklärung an die Audi gegangen. Im Verfahren selbst spielt dieser Geldwert keine Rolle. 

Die Audi setzt Zeichen für Toleranz und gegen Diskriminierung

Die Audi verwendet seit Einführung der Leitlinien neutrale Formulierungen wie Führungskraft statt Chef oder den sogenannten Gender Gap, mit dem die männlichen und weiblichen Formen mit einem Unterstrich verbunden werden und setzt so ein eindeutiges Zeichen für Toleranz und gegen Diskriminierung in der Gesellschaft. Das sieht Alexander B. nicht so und hält die Gender-Leitlinien der Audi "für einen Fehler" und wolle nur helfen, das zu korrigieren. 

Das Gericht sieht die Klage des VW-Mitarbeiters als einen individuellen Fall an und schlug am Dienstag im Güterverfahren einen Vergleich vor, bei dem der Kläger genau davon verschont bleiben würde. Dazu meinten die Vertreter von Alexander B., dass es für einem Weltkonzern wie die Audi möglich sein müsste, individuell auf den Kläger eingehen zu können. Die drei Rechtsvertreter der Audi AG lehnten diesen Vergleich ab und begründeten:

Im Alltag sei dies nicht praktikabel. Es müsste eine Liste gemacht werden, wer nun wie angesprochen werden wolle. Es gibt keine Möglichkeit für einen Vergleich.

Die Urteilsverkündung wird nun auf den 29. Juli 2022 gelegt. Sollte das Gericht dem Kläger Recht zusprechen, würde das Urteil Wellen mit sich ziehen und gleich-gesinnte dazu ermutigen, der Toleranz und gesellschaftlichen Vielfalt den Krieg zu erklären. Das Urteilt könnte zudem ein Meilenstein für die AfD und ein weiteres beliebte Zitat der rechten Szene werden. Wenn Gesetze von rechts-populistischen Parteien nicht auf dem demokratischen Wege umgesetzt werden können, dann bietet sich die Schnittstelle der "individuellen Klagewellen für Jedermann" in Deutschland an. 

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