TV-Beben im Schlager: Mit dem Aus von „Immer wieder sonntags“ droht einer ganzen Künstlergeneration das Verschwinden aus dem Fernsehen

21. Jun 2026

Schlagerwelt Redaktion / Chefredaktion Deine Schlagerwelt Redaktion / Chefredaktion

TV-Beben bei „Immer wieder sonntags“ – Droht dem Schlager die Krise?
TV-Beben bei „Immer wieder sonntags“ – Droht dem Schlager die Krise?
© Mirco Clapier
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Das Ende von „Immer wieder sonntags“ könnte den Schlager nachhaltig verändern. Warum Künstler, Labels und Newcomer nun vor großen Herausforderungen stehen.

Wenn eine Fernsehsendung stirbt, verliert der Schlager seine letzte große Bühne

Es sind Nachrichten, die weit über eine einfache Programmänderung hinausgehen. Die ARD beendet mit dem Ende der Saison 2026 die Kultsendung „Immer wieder sonntags“. Nach mehr als drei Jahrzehnten verschwindet damit nicht nur ein fester Bestandteil des Sonntagvormittags, sondern möglicherweise auch die letzte wirklich offene Bühne des deutschen Schlagers.

Während die Verantwortlichen von Sparmaßnahmen, veränderten Sehgewohnheiten und einer jüngeren Zielgruppenansprache sprechen, herrscht in der Branche vor allem eine Frage vor: Wohin sollen die Künstler künftig gehen?

Denn das Ende von „Immer wieder sonntags“ trifft nicht in erster Linie die großen Namen des Genres. Es trifft jene Künstler, die in den vergangenen Jahren kaum noch in den großen Samstagabendshows stattfanden. Es trifft Newcomer, kleinere Labels und Sänger, die einst feste Größen im deutschen Fernsehen waren und heute nur noch selten eingeladen werden.

Die stille Revolution der Fernsehlandschaft

Über viele Jahre hinweg entwickelte sich „Immer wieder sonntags“ zu einem Gegenmodell der modernen Musikshows. Während sich die großen Primetime-Produktionen zunehmend auf eine überschaubare Anzahl etablierter Künstler konzentrierten, blieb die Sendung von Stefan Mross erstaunlich vielfältig.

Hier begegneten sich bekannte Namen der ZDF-Hitparaden-Generation, ehemalige Musikantenstadl-Stars, volkstümliche Künstler, Nachwuchssänger und unabhängige Produktionen. Diese Mischung war nicht immer modern, nicht immer trendig und sicherlich nicht immer perfekt. Doch genau darin lag ihre besondere Stärke.

Die Sendung wirkte häufig wie ein musikalischer Marktplatz, auf dem verschiedene Generationen des Schlagers zusammentrafen. Wer in anderen Formaten längst keine Einladung mehr erhielt, konnte hier noch stattfinden. Gerade diese Offenheit dürfte nun fehlen.

Das eigentliche Problem liegt nicht im Ende, sondern in der Häufigkeit

Die Diskussion konzentriert sich bislang vor allem auf das Aus der Sendung selbst. Viel entscheidender ist jedoch ein anderer Aspekt: „Immer wieder sonntags“ war eine wöchentliche Bühne.

Über einen Zeitraum von mehreren Monaten entstanden Jahr für Jahr zahlreiche musikalische Auftrittsmöglichkeiten. Künstler konnten neue Singles vorstellen, sich erneut präsentieren oder durch die Sommerhitparade erstmals ein Millionenpublikum erreichen. Diese Kontinuität ist im deutschen Fernsehen nahezu einzigartig.

Die verbleibenden Formate senden lediglich wenige Male pro Jahr. Große Samstagabendshows entstehen teilweise nur in monatelangen Abständen. Der ZDF-Fernsehgarten verfolgt ein wesentlich breiteres Unterhaltungskonzept und bietet dem Schlager lediglich einen Teil seiner Sendezeit. Damit verschwindet nicht nur eine Sendung. Es verschwinden zahlreiche Möglichkeiten, sich überhaupt noch einem größeren Fernsehpublikum zu präsentieren.

Die viel zitierte „Schlagerfamilie“

Innerhalb der Branche wird seit Jahren über die sogenannte „Schlagerfamilie“ gesprochen. Offiziell existiert ein solcher Begriff selbstverständlich nicht. Dennoch fällt auf, dass sich die Gästelisten vieler großer Unterhaltungsshows oftmals ähneln. Ein überschaubarer Kreis etablierter Künstler ist regelmäßig vertreten, während andere bekannte Namen über Jahre hinweg praktisch vollständig aus dem Fernsehen verschwinden.

Niemand kann daraus eine gezielte Ausgrenzung ableiten. Allerdings entsteht der Eindruck, dass die verfügbaren Plätze zunehmend auf wenige Künstler konzentriert werden. Die großen Samstagabendshows setzen auf Sicherheit, Bekanntheit und eine möglichst breite Publikumswirkung. Gerade deshalb erfüllte „Immer wieder sonntags“ eine wichtige Funktion. Dort fanden auch jene Sänger eine Bühne, die außerhalb dieser Rotation standen.

Mit dem Wegfall der Sendung konzentriert sich die Aufmerksamkeit nun noch stärker auf wenige Produktionen und damit zwangsläufig auch auf eine kleinere Anzahl an Künstlern.

Die vergessene Generation des Schlagers

Besonders schwierig dürfte die Situation für jene Künstler werden, die jahrzehntelang das Gesicht des deutschen Schlagers geprägt haben. Viele ehemalige Dauergäste der ZDF-Hitparade, des Musikantenstadls oder anderer großer Unterhaltungssendungen besitzen weiterhin ein treues Publikum, finden jedoch in modernen Fernsehformaten kaum noch statt. Für diese Künstler war Stefan Mross oftmals die letzte große Fernsehadresse.

Der Sonntagvormittag bot ihnen nicht nur Sichtbarkeit, sondern auch Wertschätzung. Gerade das ältere Publikum identifiziert sich noch immer mit vielen dieser Künstler und verfolgt ihre Karrieren seit Jahrzehnten. Die Frage bleibt daher, ob der deutsche Schlager nicht ein Stück seiner eigenen Geschichte verliert.

Ein herber Schlag für kleinere Labels

Auch für unabhängige Plattenfirmen könnte das Ende der Sendung erhebliche Folgen haben. Gerade die Sommerhitparade entwickelte sich über viele Jahre zu einer der wenigen verbliebenen Nachwuchsplattformen des Genres. Labels wie Feste Records konnten dort regelmäßig ihre Künstler präsentieren und ihnen eine Reichweite ermöglichen, die außerhalb des Fernsehens nur schwer zu erreichen ist.

Für zahlreiche Sänger bedeutete ein Auftritt den ersten Kontakt mit einem Millionenpublikum. Neue Titel erhielten Aufmerksamkeit, Tourneen wurden beworben und Karrieren bekamen einen entscheidenden Impuls. Mit dem Ende dieser Plattform entfällt eine der letzten Möglichkeiten, Künstler im klassischen Fernsehen aufzubauen.

Andy Borg bleibt als letzte große Alternative

Sollte es künftig noch eine Sendung geben, die ähnliche Aufgaben übernimmt, dann dürfte dies vor allem „Schlagerspaß mit Andy Borg“ sein. Die Sendung setzt bewusst auf Vielfalt, Tradition und Künstler, die andernorts nur selten berücksichtigt werden. Borg pflegt einen deutlich breiteren musikalischen Ansatz und bietet regelmäßig auch jenen Gästen eine Bühne, die außerhalb des Mainstreams stehen.

Allerdings produziert der SWR nur wenige Ausgaben pro Jahr. Die entstandene Lücke lässt sich dadurch kaum schließen. Auch der ZDF-Fernsehgarten bleibt zwar eine wichtige Plattform, verfolgt jedoch ein deutlich breiteres Konzept, in dem der Schlager nur ein Bestandteil unter vielen ist.

Die Zukunft liegt im Internet – doch das Fernsehen bleibt wichtig

Viele Künstler werden künftig neue Wege gehen müssen. Soziale Netzwerke, Streamingplattformen und Videokanäle gewinnen bereits heute zunehmend an Bedeutung. TikTok, Instagram, YouTube und Spotify ermöglichen Reichweiten, die früher ausschließlich über das Fernsehen erreichbar waren.

Künstler werden unabhängiger. Sie können ihre Musik direkt veröffentlichen, ihre Fans selbst erreichen und ihre eigene Öffentlichkeit schaffen. Gleichzeitig darf ein entscheidender Faktor nicht unterschätzt werden.

Das klassische Schlagerpublikum konsumiert Musik nach wie vor überwiegend über Fernsehen und Radio. Gerade ältere Zuschauer bilden einen wichtigen Bestandteil des Marktes und lassen sich durch soziale Netzwerke oftmals nur begrenzt erreichen. Der Schlager steht deshalb an einem Wendepunkt zwischen digitaler Zukunft und traditioneller Medienwelt.

Weniger Bühnen bedeuten weniger Vielfalt

Die größte Gefahr liegt möglicherweise nicht im Verlust einzelner Künstler, sondern in der zunehmenden Homogenisierung des Genres. Je weniger Fernsehplätze zur Verfügung stehen, desto stärker wird die Konzentration auf bekannte Namen. Risiko wird vermieden, Wiedererkennbarkeit gewinnt an Bedeutung. Für Newcomer wird der Einstieg schwieriger. Für etablierte Künstler außerhalb der großen Fernsehzirkel werden die Möglichkeiten geringer. Der Schlager könnte dadurch einen Teil seiner Vielfalt verlieren.

Der Schlager verliert ein Stück seiner Seele

Mit dem Ende von „Immer wieder sonntags“ verschwindet nicht einfach eine weitere Unterhaltungssendung aus dem deutschen Fernsehen. Es verschwindet ein Ort der Begegnung.

Ein Ort für Newcomer, für traditionsreiche Künstler, für kleinere Labels und für jene Sänger, die außerhalb der großen Samstagabendshows kaum noch stattfinden. Die wenigen großen Stars der sogenannten Schlagerfamilie werden ihren Platz behalten und die Kritiken gegenüber Florian Silbereisen verstärken. Die eigentlichen Verlierer könnten jedoch jene Künstler sein, die das Gesicht des Schlagers über Jahrzehnte geprägt haben und nun ihre letzte große Bühne verlieren.

Vielleicht werden soziale Medien künftig neue Karrieren hervorbringen. Vielleicht werden digitale Plattformen die entstandene Lücke schließen. Doch eines scheint bereits heute festzustehen: Der Sonntagvormittag wird für den deutschen Schlager nie wieder derselbe sein und so wie Stefan Mross vom Sender abserviert wurde, steht auf einem anderen Blatt Papier. 

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